Singen in der JVA

Ein Beitrag von Caroline Bernotat vom 17.11.2018

Am 7. November 2018 hat der Gospelchor in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach gesungen.
Für mich, wie sicher auch für viele Andere, war das der erste Besuch in einer Haftanstalt.
Zunächst mussten wir bereits Wochen zuvor unsere Daten aus dem Personalausweis bzw. Pass angeben. Etwa eine Woche vorher wurden dann die maximal 35 Teilnehmer/-innen festgelegt.
In Fahrgemeinschaften ging es schließlich zur JVA: Treffpunkt 17:30 für den geplanten Beginn um 18:45 Uhr.
Dort wurden wir in kleinen Grüppchen à 7-8 Personen in den Vorraum eingelassen, wo das notwendige Equipment abgestellt werden konnte und unsere Ausweise eingesammelt wurden.
Es schien so, als würde der diensthabende Wächter aus diesem Anlass endlos telefonieren. Letztendlich durfte unsere Kleingruppe in den Warteraum, dessen beide Ausgänge im Anschluss verriegelt wurden. Nachdem sich alle Grüppchen im mittlerweile recht engen Warteraum befanden, wurden wir jeweils in Vierergruppen nacheinander in einen weiteren Raum gebeten, wo eine flughafenähnliche Kontrolle durchgeführt wurde: Uhren und Gürtel ausziehen, Jacken und Metallteile ablegen, usw. Zuletzt bekam jede Gruppe ein gemeinsames Schließfach zur Ablage von allem, was für das Konzert nicht unbedingt benötigt wurde. Schals und Gürtel waren beispielsweise tabu aufgrund ihrer möglichen Waffentauglichkeit.
Als alle soweit waren, gingen wir durch unzählige Türen, die aufgrund ihrer Automatikverriegelung jeweils für den Nächsten aufgehalten werden mussten, durch einen Innenhof, weitere Türen und Treppen, bis wir endlich im Saal angelangt waren.
Nach dem Aufbau von Keyboard, Leuchten und der Positionierung des Chores, kamen – wiederum in Kleingruppen – die Zuhörer in den Raum.
Bis wir endgültig beginnen konnten, war es bereits nach 19 Uhr.
Als es losging, war ich beseelt von der Musik, wie immer, und die Zuschauer waren für mich einfach wie jedes „normale“ Publikum. Ich fühlte mich völlig sicher und freute mich über die wohlwollenden Reaktionen der Anwesenden. Allerdings habe ich auch mit Anderen gesprochen, denen es durchaus mulmig zumute war – bis hin zu unerwarteten Angstgefühlen z.B. aus Erinnerung an negative Erlebnisse oder Personen aus der eigenen Vergangenheit.
Wie mag es den Zuschauern ergangen sein? Am Anfang spürte ich eine Mischung aus Vorfreude und Skepsis. Auf jeden Fall mehr skeptische Anspannung als vor einer gewöhnlichen öffentlichen Probe. Der Bann war jedoch nach dem ersten Gospel gebrochen. Unser Chorleiter hat den Chor in wenigen Worten vorgestellt, und weiter ging es.
Je länger der Abend dauerte, desto lauter wurde der Applaus und gelegentliche Zurufe mit Halleluja und Amen. Vielleicht haben wir ja dazu beigetragen, einige an die christliche Botschaft zu erinnern oder evtl. das Interesse daran erweckt. Es war auf jeden Fall ein großes gemeinsames Erlebnis, das mich (und vermutlich die meisten Anderen) tief berührt hat.
Das Konzert war in aller Hinsicht ein voller Erfolg; wir durften zwei Zugaben singen.
Dann lief das Sicherheitsprogramm rückwärts ab. Die Insassen wurden zuerst aus dem Saal geleitet, daraufhin liefen wir wieder über Treppen, durch Türen und Gänge bis zu den Schließfächern.
Ab dem Moment waren wir Frauen im Vorteil, denn wir durften ohne weitere Überprüfung ins Freie und bekamen unsere Ausweise zurück, die wir letztlich untereinander wieder verteilten.
Aus dem reinen Männergefängnis wurden unsere Männer erst nach genauer Überprüfung jedes Einzelnen wieder hinaus gelassen, damit sich nur ja kein Häftling darunter verirrte.
Alles war natürlich in Ordnung, und so ließen die meisten von uns den Abend noch bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch ausklingen, und wir waren um eine wertvolle Erfahrung reicher.